„Der beste Ort Rheingauer Wein zu genießen“
Wie ein Wiesbadener Kerzengeschäft zur Hoffnung der Rheingauer Winzer wurdeErschienen in der Dezember-Ausgabe des Stadtmagazins "Der Wiesbadener", von Mario Sosa
Verzweifelt versuchen seit vielen Jahren die Rheingauer Winzer im und mit dem Weinbauverband oder dem VDP eine zentrale Stelle zu finden, an der man den eigenen Wein präsentieren, probieren und kaufen kann. Der Wunsch im Kloster Eberbach einen solchen Ort zu etablieren, scheiterte an den Interessen des Klosterweingutes und – wie böse Zungen behaupten – am Veto des Ministerpräsidenten Roland Koch, der als hessisches Staatsoberhaupt den Hessischen Staatsweingütern vorsteht.
Zeitgleich etablierte sich in der Kurstadt Wiesbaden, amüsanter Weise in unmittelbarer Nachbarschaft der hessischen Landtages, ein 40 Quadratmeter kleiner Laden mit seinen liebevoll ausgesuchten Kerzen und Leuchten, Geschenkartikeln und Dekorationen. Traudl Plöger leitete das Geschäft, übergab es später an ihre Tochter Tanja und genoss zu diesem Zeitpunkt ein Glas Wein lediglich nach Feierabend. Während die Rheingauer jedoch auf der Stelle traten, erschwerten langwierige Renovierungsmaßnahmen am Haus des kleinen Wiesbadener Geschäftes dessen Fortbestand.
Auf der Suche nach einer Lösung ergab sich die Möglichkeit aus dem Stadtkern hinaus in die eigene Heimat umzusiedeln und dort in den Räumen der Rheingauer Winzergenossenschaft zwischen Eltville und Erbach einen deutlichen größeren Laden aufzubauen. Mit „Kerzen und Leuchten“, so übrigens der Name des beliebten Ladens auf dem Marktplatz der Landeshauptstadt, allein würde es jedoch eng werden. Und so reifte der Entschluss, die Fähigkeiten jedes Familienmitgliedes einzubringen und neue Produkte ins Sortiment aufzunehmen. Vater Horst Plöger als Steuerberater erfolgreich, sorgte für die finanzielle Planung, Sohn Alexander brachte als ehemaliger Weinbau-Student die Idee einer Vinothek mit ein. Mutter und Tochter schließlich ergänzten die Palette um Produkte für schöne Haus- und Wohnkultur sowie Delikatessen.
Der WeinGenussLaden „Wein-Dekanei“ wurde eröffnet und trat seinen Erfolgsweg an. Weingut um Weingut kam in den vergangenen Monaten hinzu, weit über 100 Weine von 40 verschiedenen Winzern kann man rund um den „Rheingauer Weinbrunnen“ verkosten und kaufen. Alexander Plöger und sein Team selbst stehen werktags zwischen 10 und 19 Uhr, samstags von 10 bis 18 Uhr und sogar sonntags von 14 bis 18 Uhr für Beratungen und Weinproben zur Verfügung. Für den Einstieg in die Rheingauer Weinwelt gibt es keinen besseren Ort, wenn man mal von den Tagen der Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden absieht. „Wir haben das ganze Jahr über Rheingauer Weinfest“, so Vater Host Plöger treffend.
In den Tagen vor Weihnachten gibt es den vielleicht „kleinsten, aber feinen Adventsmarkt“ und seit Kurzem auch einen regelmäßigen Treff für Weingenießer. Jeden Freitag ab 17 Uhr lädt Alexander Plöger zum „Feierabend am Rheingauer Weinbrunnen“.Entspannende Gespräche bei einem Glas Wein als Einstimmung ins Wochenende lautet das einfache und stressfreie Konzept. Dazu zelebriert der Weinverkäufer jeweils drei Weine von zwei verschiedenen Winzern im Rahmen eines kleinen Weinduells, um sich auf diese Art und Weise dem Rheingau spielerisch nähern zu können. „Wer ein paar Mal kommt, wird schnell erkennen, welcher Weinbauer für ihn der richtige ist“, so Plöger zum Sinn und Zweck der Weinübung.
Das Familienteam der Weindekanei wird von vielen Helfern ergänzt, die im Wein- oder Delikatessen und Dekorationsbereich Fachwissen mitbringen. Zuletzt gesellte sich der Rheingauer Fotograf und Buchautor HP Mayer (u.a. „Mein Rheingau“, erschienen im September 2009) hinzu, der zukünftig Texte und Bilder aus dem Rheingau, von den Weingütern und den Weinen und rund um das Thema Weingenuss beisteuert. Die erste Rheingauer Vinothek soll auf diesem Weg noch mehr Rheingauer Profil erhalten und Einheimischen wie Gästen eine willkommene Anlaufstelle für viele Rheingauer Genüsse sein.
„Wir sind Rheingauer und bekennen uns einhundertprozentig zu unserer Region“, lässt Alexander Plöger keine Zweifel an seinem Konzept aufkommen. „Wir wollen für unsere Gäste ein Rheingauer Auftakt nach Maß und für unsere Winzer als Verkaufsstelle auch eine Entlastung sein“. Sämtliche Rheingauer Weine gibt es zum gleichen Preis wie in den Weingütern selbst, so dass die Kunden keineswegs alle Weingüter abklappern müssen um zum günstigen Winzerpreis den Rheingau kennen zu lernen. Das sei allerdings nur möglich, weil „die meisten Partner uns lange Zahlungsziele einräumen, Weine für unsere Kunden zum Verkosten anbieten und unsere treuen Kunden uns immer wieder gerne besuchen.“
Jetzt müssen die Betreiber eigentlich nur noch warten, bis ihnen Ministerpräsident Koch einen Besuch abstattet und sich persönlich für das Ende der Diskussion nach einer erstklassigen Gebietsvinothek im Rheingau bedankt.
